Materielle Mobilmachungsergänzung – Bereitstellungsbescheid

  • Die Bundeswehr vor 1990 hätte im V-Fall eine gewaltige Menge von Zivilfahrzeugen als „materielle Mobilmachungsergänzung“ für die nichtaktiven Einheiten eingezogen. Von daher hat dieses Thema einen Bezug zu Militärfahrzeugen. Im Ernstfall wären wahrscheinlich mehr ehemals zivile als genuin militärische Fahrzeuge bei den Streitkräften gefahren.

    Während die Besitzer von PKW und Kleinbussen meistens nicht davon wussten, dass ihr Fahrzeug für den Kriegsdienst vorgesehen war, bekamen die Besitzer von LKW oder Baumaschinen den sog, „Bereitstellungsbescheid“ bereits im Frieden ausgehändigt. In einigen Fällen wurde für LKW auch tatsächlich übungshalber die Vorstellung der Fahrzeuge beim sog. „Gestellungsort Material“ durchgeführt.

    Anbei ein reales Beispiel eines solchen Bereitstellungsbescheids für einen Scania-LKW. Gestellungsort war Dichtelbach im Hunsrück, nördlich von Bad Kreuznach.

    Der LKW war für das Transportbataillon 491 (WHNS) vorgesehen. WHNS steht für „Wartime Host Nation Support“, das waren die deutschen Unterstützungseinheiten für die Versorgung der NATO-Verbündeten bei deren Kriegseinsatz in Deutschland. Total hätten die WHNS-Truppenteile annähernd die Stärke von fast drei Divisionen umfasst.

    Das Transportbataillon 491 bestand aus einer Stabs/Versorgungskompanie und sechs Transportkompanien, insgesamt wären in diesem Bataillon fast 500 Fahrzeuge, meistens aus zivilen Beständen, gelaufen.

    Unterstellt war das Bataillon dem Unterstützungskommando WHNS 9 des Territorialkommandos SÜD. Dieses Unterstützungskommando hatte zehn sehr starke Bataillone (2 KrankentransportBtl, 2 TransportRgt mit insgesamt 6 TrspBtl, 1 PionierBtl und 1 FeldersatzBtl) , umfasste mehr als 9000 Soldaten und hatte damit den Umfang zweier starker Brigaden.

    Das UKdo 9 sollte im Verteidigungsfall das 4th Transportation Command (TRACNSOM) der US-Army in Oberursel unterstützen.

    Dem Bereitstellungsbescheid lag ein Laufzettel für den Kraftfahrer der zivilen Firma bei, der dieses Fahrzeug in Dichtelbach hätte abliefern müssen.


    Da man ja nicht unbedingt davon ausgehen konnte, dass dieser Fahrer „gedient“ hatte, enthält dieses Blatt auch Hinweise zum Thema Auflockerung und Lichttarnung. Wobei natürlich die Formulierung „vermeiden sie auffälliges Licht bei Nacht“ bei einem zivilen Fahrzeug ohne nähere Hinweise, wie das geschehen soll, ziemlich sinnlos ist.

    Mögliche Feindangriffe werden blumig mit „feindlichen Störungen“ umschrieben, die Verhaltensmaßregeln sprechen auch eher von einer gewissen Hilfslosigkeit.

    Am besten finde ich die Schlußsätze. „Wir hoffen, dass wir Ihnen Ihr Fahrzeug baldmöglichst zurückgeben können.“ Von dem im zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogenen Zivilfahrzeugen wurde nur eine verschwindend geringe Zahl zurückgegeben, der Löwenanteil war Schrott in Rußland, in Nordafrika oder sonst irgendwo. Das wäre auch im V-Fall während des Kalten Krieges nicht anders gewesen.

  • Ja, das ist in der Tat ein interessantes Thema

    .....Wobei natürlich die Formulierung „vermeiden sie auffälliges Licht bei Nacht“ bei einem zivilen Fahrzeug ohne nähere Hinweise, wie das geschehen soll, ziemlich sinnlos ist........

    Naja, bei aktuellen Modellen kannst ja gar nichts mehr ganz Abschalten. Tags Tagfahrlicht und nachts automatisch Abblendlicht.

    '85 Ural 4320 mit 3-Seitenkipper und ATLAS Ladekran

    und weiteres Altblech nicht in Oliv. Unheilbar erkrankt am "Haben ist besser als brauchen"

  • Ein spannendes Thema. Da sind verschiedenste Gesetze und Vorschriften miteinander verzahnt .

    Das zu verwalten war übrigens auch eine Aufgabe der Kreiswehrersatzämter.

    Die haben die Meisten ja nur hinsichtlich der Personalergänzung auf dem Schirm.

    Zur Mobilmachung von Fahrzeugen gehört auch die bekannte Feldjäger-Blaulichtanlage und deren Verwendung.

    Grüße von der Küste! Til :krad::renault:

    Suche ständig Daten über BGS-Fahrzeuge für die Bestandslisten.
    Besonders Hercules K125 und BMW-Boxer!

    :BGS-F:

  • Materielle Mob.Ergänzung gab es aber auch in nichtmilitärischen Bereichen, z.B. beim Zivilschutz.
    Anbei ein StAN-Auszug eines Betreungszuges mit Stand 1980, 2 von den insgesamt 3 LKW, alle drei Kombi (= PKW 8-Sitze) und das Krad kamen aus der materiellen Mobilmachungsergänzung, deswegen auf der Skizze grau unterlegt.


    Die Betreuungszüge waren z.B. für die Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen oder Ausgebombten zuständig.

  • Moinsen

    So eine Zivil-Militärische Übung habe ich bei uns in der Kaserne in Itzehoe beobachtet.

    Dort wurden zivile Busse eingezogen und begutachtet, Zustand, Ausrüstung, Umrüstungsmöglichkeiten usw.

    Die Busse, ich glaub das waren so 20-30 Stück, kamen alle von Busunternehmen aus der Region. Die Busse konnten alle

    Umgerüstet werden zum KRKW KOM, mit bis zu 16 Tragehalterungen und oder entsprechenden Sitzen. Die hatten schon die dafür nötigen Verschraubungen, so das der Umrüstsatz eingebaut werden konnte. Die nötigen Umrüstsätze Lagerten bei uns in der Kaserne.

    Bei den zivilen Linien Bussen soll das heute noch so sein, da gibt es zwischen den Sitzen, an der Fahrzeugwand so Blind Deckel, dahinter verbirgt sich dann die Halterung für die Umrüstung.

    Gruß Rolf

  • Zitat

    Das wäre auch im V-Fall während des Kalten Krieges nicht anders gewesen.

    Hmm, das habe ich anders in Erinnerung...

    Man ging doch damals davon aus, dass D in wenigen Tagen überrannt würde. Darum doch der Nato Nachrüstungsbeschluß. Demnach hätten unsere Verbündeten uns mit Atombomben vor dem "Rotwerden" bewahrt.

    Danach wäre eher niemand mehr da gewesen, den man das FZ zurückgeben könnte :schulterzuck:

    Aber es ist lange her, vielleicht habe ich das falsch verstanden und zum Glück wurde es nie ausprobiert! :winky:

    Meint der Ludwig

    :munga:

    Unsere Großeltern haben uns gelehrt:

    Der Klügere gibt nach! - Nun regieren die BildungsfernInnen :mimimi:

  • Man ging doch damals davon aus, dass D in wenigen Tagen überrannt würde.

    Ob das wirklich geklappt hätte?

    Einige Ex NVA Soldaten haben mir nach der Wende erzählt das es wahrscheinlich 10-20% der Fahrzeuge gar nicht aus der Kaserne raus geschafft hätten. Und der Rest war wohl auch nicht so toll.

    Das man innerhalb von wenigen Tagen über dem Rhein ist hat nur die Führung geglaubt.

  • Ja, solche Listen gab es in der TopBttr auch, da waren die LKW mit Kenmnzeichen und Eigentümer gelistet und mussten durch den A+M Sachbearbeiter, HFw, mein Kamerad im K-Zug , regelmäßig überprüft und aktualisiert werden. Die LKW waren für unseren Kartenlagerzug.

    Bernd

    "Nur wenige sind es wert, daß man ihnen widerspricht!"

    und

    "Was man hat, braucht man nicht suchen/kaufen" ^^

  • Ich meine, mal gehört zu haben (Anfang der 90ziger) das Unternehmer Fahrzeuge subventioniert bekommen haben, wenn sie diese Fahrzeuge, im V-Fall, abgegeben haben...

    Als erste Ausstattung.

    Ähnlich den Subventions-LKW´s im 1.WK (https://de.wikipedia.org/wiki/Subventions-Lkw)

    Ich hatte damals auch mal einen Zivil-LKW mit oliven Chassis gesehen..

    Gruß Olli

    Echte Männer sammeln Punkte nur in Flensburg, nicht bei Payback ! 8]

    :krad:






  • Wie ist es denn mit ehemaligen Militärfahrzeugen in Privatbesitz und zivilen Motorrädern. Sind die auch irgendwo registriert um

    ggf. beschlagnahmt zu werden ?

    Man muß aufstehen, bevor man sich wiedersetzen kann.

  • In meinen jungen Jahren war ich TO in einem WHNS- Sicherungsbattailon . Dem Btl war ein großer amerikanischer Flugplatz als zu sicherndes Objekt zugeteilt. Als nicht aktives Btl haben wir auch von diesen, zum Wehrdienst herangezogen Fahrzeugen gelebt.

    Da war aber alles dabei , vom CocaCola-Lieferlkw bis zum Muldenkipper - ausgesucht von Beamten der Wehrbereichsverwaltung ;(

    Nach einer Überprüfung der Liste durch mich während einer Wehrübung, haben wir dann die Hälfte der Bereitstellungen aufheben lassen, da diese Fahrzeuge nicht mehr existierten oder für unsere Zwecke unbrauchbar waren.

    Natürlich musste dafür dann Ersatz organisiert werden.

    Diese Listen gibt es nach meiner Kenntnis nicht mehr- sie wurden mit Ende der WHNS Einheiten vernichtet.

    Sollte jemand etwas anderes berichten können, bitte gerne hier einstellen !

    Gruß Bernhard

  • Diese Listen gibt es nach meiner Kenntnis nicht mehr- sie wurden mit Ende der WHNS Einheiten vernichtet.

    Sollte jemand etwas anderes berichten können, bitte gerne hier einstellen !

    Nach meiner Erfahrung ist davon nicht mehr viel übrig. Im Bundesarchiv lässt sich zu Stichworten wie "materielle Mob.Ergänzung" nur allgemeines finden. Ähnlich bei den Kreiswehrersatzämter. Die archivierten Bestände befassen sich fast ausschließlich mit den Liegenschaftsangelegenheiten der KWEA, also Neubau oder Anmietung von Gebäuden für KWEA.
    Die ungeeigneten Fahrzeuge kamen oft daher, das hier stur nach der StAN vorgegangen wurde. Da stand dann eben "LKw 5 t". Ob das dann ein Pritschen-LKW, ein KAstenaufbau, ein Muldenkipper oder LKW mit Kühlaufbau war, war dem Beamten / Angestellten vom KWEA egal, oft konnte er das aufgrund der ihm vorliegenden Listen gar nicht erkennen. Auch dürften die wenigsten Sachbearbeiter der KWEA die nötigen technischen Kenntnisse besessen haben, um die Fahrzeuge entsprechend dem Einsatzzweck der militärischen Einheit beurteilen zu können.
    Wobei das ein Problem ist, das sich seit Einführung der materiellen Mobilmachungsergänzung in den Streitkräften wie ein roter Faden durch die Zeiten zieht. Schon bei Mobilmachungsübungen vor dem ersten WEltkrieg gibt es endlose KLagen über ungeeignete Pferde, ungeeignetes GEschirr, unbrauchbare Fuhrwerke ohne Planen und auch über eigenmächtig von den Besitzern veränderte Lastwagen, obwohl damals viele LKW vom Staat subventioniert waren, wie es oliver oben schon bschrieb.
    Das gleich dann bei der Wehrmacht nach 1933. Der Höhepunkt war dann die ziemlich umfassende Mobilmachung in Süddeutschland für den "Anschluß" Österreichs im Frühjahr 1938. Hier musste die Aufstellung zahlreicher LAndwehreinheiten abgebrochen werden, weil die Fahrzeuge größtenteils unbrauchbar waren.

  • Zu welchem Zeitpunkt hat denn die Übung stattgefunden?

    Zwecks der Halterung schaue ich bei uns im Vekehrsbetrieb mal nach, ich kann mich nicht daran erinnern.

    Gruß Alex

    Vertrau mir, ich bin Lagerist :barett-bor:

    :ilseo:

  • Zur Ergänzung dieses Themas:
    In den Beständen des Bundesarchivs-Militärarchivs bin ich auf den Operationsbefehl 1988 des Gerätedepots Herbolzheim für den V-Fall gestossen. Herbolzheim liegt ca. 30 km nördlich Freiburg im Breisgau und war ein Gerätedepot des Versorgungskommandos 860.
    Bei diesem Op-Befehl gibt es als Anlage eine Liste der Fahrzeuge, die im Rahmen der materiellen Mobilmachugsergänzung für dieses Depot vorgesehen waren.



    Hier sieht man,
    - aus welcher Entfernung die Fahrzeuge anzuliefern bzw. abzuholen waren, hier sind es zwischen 12 und 50 km,
    - von welcher Firmen oder Privatpersonen die Fahrzeuge kamen. Die Firma Beton-Bau Koch in Freiburg musste z.B. gleich drei Gabelstapler abgeben. Das Krad kam wahrscheinlich von einem Privatmann, leider ist nicht erkennbar, um was für ein Krad es sich handelt. Da dieses Krad für den bodenständigen "Depot-Wach- und Sicherungszug" bestimmt war, könnte es sich allerdings auch nur um ein Mofa handeln, da diese Züge je nach StAN nur mit diesem "Krad" ausgerüstet waren.
    - Bei dem LKW muss es natürlich 1,5 t statt 1,56 t lauten. LKW und der PKW 8-Sitze (VW-Bus oder ähnliches) waren für die "Feldpost-Leitstelle 66" bestimmt. Feldpostleitstellen wurden bei Gerätedepots eingerichtet. Sie waren zuständig für den gegenseitigen Austausch von Feldpostsendungen zwischen der Bundespost und der Feldpostorganisation der Bundeswehr. Diese Fp-Leitstellen holten eingehende Sendungen beim zugeordneten zivilen Postamt ab und leiteten diese an die nachgeordneten Feldpostämter weiter und umgekehrt.

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